Eveline

Eveline stellte das Autoradio an und fuhr los. Der Radiosprecher wiederholte ausgelassen, seine guten Vorsätze für die neue Dekade. Offensichtlich war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass es zu diesem besonderen Anlass die Art von aufgesetzter Heiterkeit brauchte. Sie schaltete das Radio wieder aus, wechselte auf die Schnellstraße und verließ die Stadt Richtung Autobahn. Sie musste noch tanken. Als sie über das Viadukt fuhr, bot sich ihr ein ungehinderter Blick über die Ebene. Die Sonne strahlte ins Tal, so dass die Stadt kaum wiederzuerkennen war. 

Der Streit mit ihrer Mutter am Morgen, schien ihr auf einmal bedeutungslos. Warum hatte Eveline so aufbrausend reagiert? Es lag nicht an den Feiertagen. Sie wusste doch, dass sie es niemals akzeptieren würde. Aber Evelines Entscheidung stand fest, sie würde ein neues Leben beginnen auch ohne das Wohlwollen ihrer Mutter.

Die Straße schlängelte sich gemächlich am Hang hinauf. Im Rückspiegel schaute sie noch einmal auf die Stadt zurück. Es fühlte sich wie ein Abschied an. Der Gedanke, dass sie etwas Neues erwartete, tat ihr gut. Oben am Berg, trat sie die Kupplung durch. Hoch oben und mit der Hoffnung auf tausend ungeschriebene Möglichkeiten, ließ Eveline ihr Auto rollen. 

An der nächsten Tankstelle fuhr sie hinaus. Der Mann an der Kasse trug einen Anzug aus glänzendem Stoff. Er begrüßte sie überschwänglich, so als hätte er sie bereits erwartet. 

-: Ich bin Frank, sagte er, ich bin der neue Territory Manager. Darf ich sie zu einer Wagenwäsche einladen? 

Eveline hob instinktiv und abwehrend die Schultern. Sie wollte aber nicht unhöflich sein. Ausserdem hätte sie dafür nein sagen müssen. Und das wollte sie nicht. Der Territory Manager lachte sie immer noch. 

-: Die Bürsten sind ganz neu, sagte er, das bringt Glück.

Vielleicht ist es eine gute Idee, dachte sie. Ich spül den Dreck aus dem alten Jahr einfach weg. Eveline nahm den polierten Aluminiumchip und ging zu ihrem Auto zurück. 

Vor der Waschstraße stand der Kassierer, der sie bislang immer so freundlich bedient hatte. Er hielt eine ausgefranste Bürste in der Hand, die an einem Schlauch befestigt war. Als er sie erkannte, hellte sich sein Gesicht kurz auf.

-: Wenigstens ein normaler Mensch, sagte er, als sie die Scheibe heruntergelassen hatte.

Ohne etwas zu antworten, gab sie ihm den glänzenden Chip. 

-: Wieder so einer, der den Laden auf Vordermann bringen will und uns alles mögliche versprochen hat. Er hat ihnen den Chip spendiert? 

Eveline nickte kurz mit dem Kopf. Er entfernte sich und steckte den Chip in den Automaten neben der Waschanlage. 

-: Aber ich bin lange genug hier, sagte er, das lässt schnell wieder nach. Nachdem sich die erste Begeisterung abgeschliffen hat, wird wieder alles normal. 

Er gab ihr ein Zeichen das Fenster zu schließen und fing an, ihr Auto einzuseifen. Als er mit der Bürste über die Frontscheibe fuhr, lächelte er Eveline schief an. Eine Ecke an seinem Vorderzahn fehlte. Sie hatte ihm nicht geantwortet. Warum hatte sie ihm kein gutes Jahr gewünscht? Wäre sie bloß weitergefahren. 

Eveline lächelte zurück. 

Während das Auto in die Waschstraße gezogen wurde, schaute sie noch einmal in den Rückspiegel. Mit dem Schlauch in der Hand, stand der Kassierer vor dem Tor und schaute ihr nach. Hinter der Kasse hatte er damals besser ausgesehen. Sie hätte sich mit ihm auf ein Abenteuer eingelassen. Aber er in Wirklichkeit war er klein und schmächtig und sah abgeschlagen und wie ein Verlierer aus. 

Ihr Handy klingelte. Die Mutter hatte ihr Fotos geschickt und bat sie noch einmal zurückzukommen. Nein, sie bettelte und machte ihr schon wieder Vorwürfe. Lass uns nicht im Streit auseinandergehen, schrieb sie. Eine rotblaue Bürste rotierte über die Frontscheibe. Das Handy klingelte wieder. Die farbigen Bürsten der Waschanlage kamen jetzt von der Seite und schlugen gegen die Fahrertür. Sie war gefangen. Sie wollte raus. Das Handy klingelte ein drittes Mal. 

-: Ich lass es klingeln!

Es war unmöglich. Ihre Hände umklammerten das Lenkrad. Ihr entfuhr ein Schrei. Als das Tor an der Ausfahrt endlich nach oben ging, verliess sie Tankstelle. Ihre Hände waren eiskalt. 

Sie fuhr zügig auf die Autobahn. Das neue Jahr lag vor ihr.

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